Sabine Adler, Haupstadtkorrespondentin des Deutschlandfunks, hat für den “Wahlwatching 09-Blog” des ZDF folgenden Gastkommentar verfasst (wir kommentieren diesen weiter unten im Anschluss):
“Lafontaine als Merkel-Biograf
Gastkommentar von Sabine Adler
DER VORSITZENDE DER LINKEN, OSKAR LAFONTAINE, HAT BUNDESKANZLERIN ANGELA MERKEL (CDU) WEGEN IHRER VERGANGENHEIT IN DER DDR ANGEGRIFFEN. LAFONTAINE SAGTE DEM “HAMBURGER ABENDBLATT”: “SIE GEHÖRTE ZUR KAMPFRESERVE DER SED.”
Nun war Oskar Lafontaine schon vieles in seinem Leben, nur eines wahrlich nicht: Merkel-Biograf und DDR-Kenner.
Kaum jemand hat weniger politisches Gespür für die Ereignisse vor 20 Jahren an den Tag gelegt als er, der nicht müde wurde, Ossis und Wessis die Freude über den Fall der Mauer zu vermiesen.
Angeblich wollte er den Kollaps der DDR-Wirtschaft vermeiden, der er tatkräftig das Leben verlängerte mit seinen Geschäften, die er als saarländischer Ministerpräsident mit Erich Honecker machte, dem er Stahl, Kohle und sogar Autos verkaufte. Selbstlos wie Lafontaine nun einmal ist, wollte er Konfrontationen mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges vermeiden, darum sollten die DDR-Bürger bleiben wo sie waren, bestenfalls kontingentweise in den Westen übersiedeln.
Kaum jemand weiß weniger über die DDR als der Luxus-Linke, dabei hätte er doch sogar persönlich nachfragen können bei Honni, der wie Lafontaine aus dem Saarland stammte und den er immerhin neun Mal getroffen haben soll. Erich Honecker hätte ihm erzählen können, was höher in der Linientreue gewertet wurde: Das Blauhemd oder die zugunsten der Konfirmation ausgeschlagene Jugendweihe bei gleichzeitiger FDJ-Mitgliedschaft.
Angela Merkel war keine Dissidentin, sie hat das auch nie von sich behauptet. Sie aber als Spitzenkader in der FDJ einzustufen, ist plumpe Fälscherei, die Lafontaine so beharrlich betreibt wie er verbreitet, die Kanzlerin habe in der Sowjetunion studiert. Auch da sagt er die Unwahrheit.
Dass er auf die FDJ als Kampfreserve der Partei verweist, ist seinem Bestreben zuzuschreiben, aus der Mitläuferin Merkel eine Vorreiterin des SED-Regimes zu machen. Wieder in der Absicht, zu fälschen.
Die FDJ war jedoch, anders als die Junge Union, die Jungen Liberalen oder Jusos es sind, nicht die Jugendorganisation der SED, denn die wenigsten FDJler landeten in der SED, sie sahen vielmehr zu, so schnell wie möglich auch das Blauhemd wieder loszuwerden.
Interessanter, weil widersprüchlicher und fragwürdiger als Angela Merkels FDJ-Vergangenheit ist die etlicher Genossen in Lafontaines engster Umgebung. Angefangen bei Gregor Gysi. Oder aktuell Bodo Ramelows Sekretärin und zwei thüringische Abgeordnete der Linkspartei, die nachweislich für die Stasi arbeiteten. Lafontaine stolpert mal wieder über seine eigenen Fallstricke. Er, der dem SED Regime so nahe stand wie kaum ein anderer SPD-Politiker, der die DDR-Staatsbürgerschaft anerkennen wollte und nur durch seine Partei gestoppt werden konnte, wirft der Kanzlerin ihre FDJ-Mitgliedschaft vor und schweigt zur Stasi-Vergangenheit seiner eigenen Genossen.
Die anderen, so sagte es Hans Jochen Vogel vor 20 Jahren so treffend, reißen die Mauer ein, Lafontaine baut sie wieder auf. 1990 erhielt er als Kanzlerkandidat dafür die Quittung, hoffentlich auch dieses Mal.
Gastkommentatorin Sabine Adler ist Hauptstadtkorrespondentin des Deutschlandfunks.“
Quelle: http://blog.zdf.de/wahlimweb/2009/09/lafontaine-als-merkel-biograph.html
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Wider besseren Wissens? – Eine Antwort auf Sabine Adler
Vielleicht schreibt Sabine Adler auf diesem Niveau für das ZDF, weil der Deutschlandfunk es in dieser offenen, tendenziösen Art nicht zulässt.
Zu Oskar Lafontaine als “DDR-Kenner” ist festzuhalten: Es ist längst auch von konservativen Politikern, Journalisten wie auch Volkswirten unterschiedlichster Provenienz anerkannt worden, dass Oskar Lafontaine mit seinen damaligen Einschätzungen richtig lag.
Der seiner Argumentation zugrundeliegende ökonomische Kern hat sich in der Entwicklung Ostdeutschlands voll bestätigt: Eine überstürzte Währungsunion bedeutet für den Landesteil das ökonomische Aus, dessen Produktivtät drastisch unter dem des anderen Landesteils liegt. Genau das war zum Zeitpunkt der deutschen Einigung und Währungsunion der Fall. Mit der Währungsunion hat man sich der Möglichkeit beraubt, notwendige Anpassungen durch Ab- oder Aufwertungen zu erleichtern und die ganze damit verbundene ökonomische Last auf die Schultern der Beschäftigten und ihrer Einkommen gelegt. Man kann nicht auf der einen Seite die “sozialistische Misswirtschaft” geißeln, wie es ideologietreue Konservative gern tun, und andererseits über den beschriebenen volkswirtschaftlichen Sachverhalt unterschiedlicher Produktivitätsniveaus hinweggehen. Sabine Adler hat sich an dieser Stelle offensichtlich eingemauert und kann durch ihre schmale ideologische Brille nicht mehr klar zurückblicken. Nüchtern betrachtet, haben den “Ossis” und “Wessis” “die Freude über den Fall der Mauer” gerade diejenigen “vermiest” (Deindustrialisierung, hohe Arbeitslosigkeit, Hungerlöhne usw.), die damals, anders als Oskar Lafontaine, meinten, die unterschiedlichen ökonomischen Ausgangslagen in Ost und West einfach ignorieren zu können. Sabine Adler klingt an dieser Stelle auch eher wie ein beleidigtes Kind, als eine an der Sache interessierte Journalistin.
Unkenntnis offenbart sich auch in Sabine Adlers Vorwurf, Oskar Lafontaine habe mit “seinen Geschäften” und Gesprächen zwischen der DDR und der Bundesrepublik das DDR-Regime stützen wollen. Hat das etwa auch Franz Josef Strauß mit seinen Milliardenkrediten getan (vgl. dazu z.B. hier: http://www.br-online.de/wissen-bildung/kalenderblatt/2007/06/kb20070629.html)?
Strauß dazu im Juni 1983:
“Ich wünsche keinen Spannungszustand und keine Rückkehr zum Kalten Krieg. Ich bin für eine Beseitigung der Ursachen der Spannung und bis dahin für Verhaltensweisen, in denen man vernünftig miteinander auskommt.”
Wie Sabine Adler kann nur jemand schreiben, der – geschichtsvergessen – die Bedeutung der von Willy Brandt ausgehenden Ost-Politik als Grundlage für die Möglichkeit der späteren Wiedervereinigung komplett ausblendet. Sabine Adler bewegt sich mit ihrer Schreibe immer noch in den Kategorien des “kalten Krieges”. Mit den von ihr verwendeten Denkschablonen wäre die deutsche Vereinigung ganz sicher nicht zustande gekommen, jedenfalls nicht auf friedlichem Wege.
Bei ihrer Beurteilung der FDJ wiederum hätte sich Sabine Adler nur im eigenen Sender etwas umhören müssen, um zu einer sachlich richtigeren Einschätzung zu gelangen. Der Dokumentarfilmer Lutz Hachmacher dazu im Deutschlandradio: “…die FDJ ist wirklich die Kaderschmiede der SED oder die Kampfreserve der Partei, wie es ja so schön hieß, die ist wirklich umgesetzt worden.” Der Vorwurf Sabine Adlers gegenüber Lafontaine, er würde “fälschen”, fällt auf sie selbst zurück. Das ist umso bemerkenswerter, als dass Sabine Adler selbst im System der DDR groß geworden ist und ihre journalistische Karriere dort begonnen hat (vgl. hierzu: http://www.netzwerkrecherche.de/docs/NR-Studie-Hauptstadtjournalismus.pdf. , S. 79).
“Dass er auf die FDJ als Kampfreserve der Partei verweist, ist seinem Bestreben zuzuschreiben, aus der Mitläuferin Merkel eine Vorreiterin des SED-Regimes zu machen. Wieder in der Absicht, zu fälschen”, unterstellt Sabine Adler Oskar Lafontaine. Dass Oskar Lafontaine nicht gefälscht hat ist, wenn man Lutz Hachmacher und anderen Glauben schenken darf, sicher. Was aber ist Sabine Adlers ”Bestreben”, was ist ihre “Absicht” an dieser Stelle?
Der von Sabine Adler herbeigeschriebene Freibrief für Bundeskanzlerin Merkel ist eine weitere Peinlichkeit, auf die ein Kommentator im selbigen Blog richtig und ziemlich erschöpfend antwortet:
“Sehr geehrte Frau Adler,
zum Glück ist ihr Beitrag als “Gastkommentar” gekennzeichnet, ansonsten müsste man Ihnen tendenziöse Berichterstattung vorwerfen. So bleibt nur der Vorwurf Fakten zu verzerren und zu verschweigen.
Lafontaine bezeichnet Angela Merkel als linientreu. Das ist belegbar, auch wenn Sie das bestreiten. Angela Kasner wurde Mitglied der FDJ, obwohl dies für Kinder von DDR-Theologen unüblich war. Vielleicht hätten Sie in Ihrem Beitrag zumindest erwähnen können, dass ihr Vater als der “rote Kasner” in der DDR anerkannt war und allerhand Privilegien genoss.
Letztere hatte auch Angela Merkel. Es ist eine Tatsache, dass sie im Ausland studieren durfte. Ebenso ist eine Reise nach Moskau biographisch belegbar. Angela Merkel war mehr als eine Mitläuferin, ansonsten hätte sie nicht auch noch während des Studiums (!) eine FDJ-Funktion wahrgenommen. Warum gibt eigentlich die Bundeskanzlerin nicht ihre Stasi-Akten aus der Birthler-Behörde der Presse frei, wenn sie nur eine Mitläuferin war?
Lafontaine hat die Wahl 1990 verloren, weil er den Menschen unpopuläre Wahrheiten ins Gesicht gesagt hat. Entgegen dem Populisten Kohl wies er darauf hin, dass die Währungsreform von 1:1 und der sofortige Beitritt ökonomisch zum Scheitern verurteilt sind und jahrzehntelang Milliardensubventionen erforderlich machen würden. Hat er in dieser Frage etwa nicht ReBeitrittcht behalten?
Sie engagieren sich zwar bei Reporter ohne Grenzen, aber journalistisch ist dieser Beitrag unteres Niveau.
Viel Glück beim nächsten Mal!”